Geschichte

Vom Armenspital zum sozialen Unternehmen

 
Das Heilig-Geist-Spital an den Schwellen, auf der linken Seite der noch heute vorhandene Dreizack-Brunnen in der heutigen Freien Strasse, Basel. Staatsarchiv Basel-Stadt, AL 45, 9-23-1

Weg der Säkularisierung

1265

Die Geschichte des Bürgerspital Basel reicht bis ins Mittelalter zurück. 1265 wird das «hospitale novum» an den Schwellen, das ist im oberen Bereich der heutigen Freien Strasse, in einem Testament erstmals urkundlich erwähnt.

Die Armen- und Krankenfürsorge wurde seit dem Frühmittelalter als eine Aufgabe der Kirche verstanden. So waren hauptsächlich städtische Klöster und Stifte Zufluchtsorte für Bedürftige und Kranke. In den Anfängen nahmen meist Geistliche die Funktion der Spitalleitung wahr, teilweise amtete der Priester in Personalunion als Spitalmeister und Verwalter. Als die Spitalverwaltung 1380 neu geordnet wird, geht der Einfluss der Kirche zurück. Mit der wachsenden Bevölkerung und der zunehmenden Säkularisierung wird auch die Krankenpflege allmählich zur Aufgabe der städtischen Allgemeinheit. So entwickelt sich das «neue Spital» zur wichtigsten karikativen Institution Basels.

Schutzpatron
Die ebenfalls geläufige Benennung «Heilig-Geist-Spital» zeugt von der Schutzherrschaft unter welche die Institution gestellt wurde. Bezeugt wird das Patrozinium in einer Quelle von 1272, in der die einstige Spitalkapelle erwähnt wird, welche dem Heiligen Geist und dem Heiligen Michael geweiht sei.
15. Jahrhundert

In der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft war die Krankenpflege zuallererst eine Aufgabe der Familie, insbesondere der Frauen. Erst wenn dieses soziale Netz nicht vorhanden war, wurde Zuflucht im Spital gesucht. Die Spitalmeistersfrau, die Kaltmutter sowie Dienstmägde sorgten für das leibliche Wohl. Während kurzer Zeit übten Mitglieder einer Bruderschaft die Pflege im «Heilig-Geist-Spital» an den Schwellen aus.
Einen im Spital wohnhaften Spitalarzt gab es nicht. Für ärztliche Behandlungen wurde der Wundarzt gerufen. Wundärzte, Scherer, Bader, Steinschneider und Starstecher – allgemein Chirurgi genannt – waren praktisch ausgebildete Laienärzte.

Akademische Ärzte, Medici genannt, gewinnen erst mit der Gründung der Universität in Basel 1460 an Gewicht. Die Medizinstudenten werden verpflichtet, den Stadtarzt bei den Krankenvisiten im Spital zu begleiten. So wird schon früh der klinische Unterricht am Krankenbett gelehrt, dennoch besteht das Medizinstudium vor allem aus der Vermittlung von theoretischen Erkenntnissen. Dies ändert sich grundlegend im 16. Jahrhundert, als Paracelsus und Vesal, der Begründer der neuzeitlichen Anatomie, in Basel wirken.

Porträt von Andreas Vesal mit seziertem Arm in seinem epochalen Werk über den Aufbau des menschlichen Körpers, gedruckt bei Johannes Oporin in Basel
(Andreas Vesalius, de Humani corporis fabrica libri septem. Basel 1543, Universitätsbibliothek Basel)
Ab 1500

Im Jahr 1501 tritt Basel der Eidgenossenschaft bei und 1529 setzt die Reformation dem Bistum in seiner mittelalterlichen Form ein Ende. Damit wird in Basel die bereits angebahnte Trennung zwischen Stadt und Bischof besiegelt.

Auch für das Spital bedeutet die Reformation einen Einschnitt. Wie Kirchen und Klöster wird das Spital säkularisiert. Nach der Schliessung des Barfüsserklosters wird das Spital mit den Gebäuden des Klosters vereinigt. Nun unterscheidet man das vordere Spital an der heutigen Freien Strasse und das hintere Spital oder das Almosen in den ehemaligen Klostergebäuden.

Im vorderen Spital befinden sich das Krankenhaus, das Pfrundhaus für Betagte sowie das Versorgungshaus für unheilbare und gebrechliche Betagte, die Gebäranstalt, die Abteilung für Waisen- und Findelkinder sowie der Betsaal. Im hinteren Spital wohnen der Almosenschaffner und der Spitalpfarrer. Im Hauptteil, dem Almosen, sind sogenannte «Irre und Fallsüchtige, Chronischkranke, Blödsinnige, Trunksüchtige und Vaganten» untergebracht.

Das säkularisierte Barfüsserkloster als «hinteres Spital» mit dem sogenannten Almosen
Staatsarchiv Basel-Stadt, Visch. C 1
Felix Platter

Einer der wichtigen Förderer des Spitals ist der Basler Felix Platter (1536–1614). Er übernimmt ab 1571 das Amt des Basler Stadtarzts und die Professur für praktische Medizin. Beim klinischen Unterricht im Spital und Siechenhaus sowie anatomischen Sektionen vertieft er seine wissenschaftlichen Kenntnisse mithilfe der Praxis.

Seine Berichte zur Pestepidemie von 1610 bis 1611 mit genauen Statistiken oder sein dreiteiliges Lehrbuch „Praxis medica“, eine Gesamtdarstellung der klinischen Medizin nach damals neuer, auf die Krankheitserscheinungen bezogenen Einteilung, sind zukunftsweisend, insbesondere seine Darstellung der Gemüts- und Geisteskrankheiten. In seinen "Observationes" beschreibt er erstmals Krankengeschichten mit Bezug auf die familiäre und soziale Umwelt der Patienten. Felix Platters Bedeutung als Epidemiologe, Gerichtsmediziner und sozialgeschichtlicher Autor werden erst später erkannt und gewürdigt.

In seinem Testament spricht Felix Platter dem Spital eine grosse Summe zu, die den spitalärztlichen Dienst mittelfristig sichert. Fortan organisieren das Collegium Medicium, die Basler Ärzteorganisation, und die Medizinische Fakultät die Krankenbesuche und bezahlen die Arzneien für die mittellosen Kranken.

Hans Bock d. Ä, Bild des Felix Platter, 1584,
in Kunstmuseum Basel, http://sammlungonline.kunstmuseumbasel.ch/eMuseumPlus

Medizinische Wende

1842

Bereits im 18. Jahrhundert genügte das Spital den räumlichen und hygienischen Erfordernissen nicht mehr. Mehrere Pläne zur Vergrösserung scheiterten jedoch. Als 1832 Professor Friedrich Brenner (1809–1874) als Irrenarzt für das Almosen angestellt wird und seine Berichte über die unhaltbaren Zustände erscheinen, wird ernsthaft nach einer angemessenen Lösung gesucht.

Nach Abwägung verschiedener Alternativen fällt die Wahl des neuen Standorts schliesslich auf das Stadtpalais Markgräflerhof. Der Stadtrat schreibt zur Finanzierung der notwendigen Umbauten eine Subskription aus, die alle Erwartungen übertrifft. So kann das vorgesehene Bauprogramm gut realisiert werden. Bis zur Eröffnung 1842 werden am Markgräflerhof, der als Pfrundhaus eingerichtet wird, noch ein Krankenhaus für Männer und eines für Frauen sowie das Irrenhaus errichtet.

Mit dem grossen Bevölkerungswachstum infolge der industriellen Entwicklung werden bald Erweiterungen notwendig. So wird das Areal der damaligen Strafanstalt im Predigerkloster zugekauft und ein neues Gebäude mit zusätzlich 129 Krankenbetten erstellt. Es dient als Frauenkrankenhaus und wird „Merian-Flügel“ genannt, um die Familie Merian zu ehren, die sich als grosse Wohltäterin des Bürgerspitals gezeigt hatte.

1865

Auch mit dem Umzug in den Markgräflerhof änderte sich die noch immer bescheidene medizinische Versorgung für zwei weitere Jahrzehnte nicht massgebend. Erst 1865 führt der Klinikenvertrag zwischen der Medizinischen Fakultät der Universität und dem Bürgerspital zu einer Wende. Mit dem Vertrag wird das Spital zu einer wichtigen Stätte für Lehre und Forschung. Nicht zuletzt, weil der Zugang zum Arztberuf nur noch durch das Universitätsstudium möglich ist.

Der allgemeine enorme Aufschwung der Medizin zu dieser Zeit zeigt sich in der Etablierung neuer Lehrstühle und der Gründung spezialisierter Kliniken, wie etwa 1867 die Augenklinik, ein Jahr später die Kinderklinik und 1875 die Psychiatrische Klinik.

Der Markgräflerhof nach dem Umbau zum Spital um 1845. Ansicht vom Spitalgarten her (Büro für Sozialgeschichte, Spitalfotograf Paul Butscher, um 1935)

Aufbau der Sozialmedizin

1935

1935 beginnt der Aufbau der sozialmedizinischen Abteilung auf dem Basler Milchsuppen-Areal. In diesem Jahr stellt die Spitaldirektion den Antrag, neben Krankenhaus und Altersheim einen zusätzlichen Betrieb für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Für die Realisierung der geplanten Durchgangsstation wird das Areal zwischen der Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt und der Burgfelderstrasse als geeignet erachtet.
Das Pflegamt genehmigt Ende 1935 die Vorschläge unter der Bedingung, dass die neue Abteilung selbsttragend geführt werde und die Betriebsrechnung des Bürgerspitals nicht belaste.
Bereits ein Jahr später ist die durch Behinderte und Spitalangestellte gebaute Unterkunft bezugsbereit. Nur zwei Jahre später arbeiten hundert Menschen mit Behinderung im Gartenbau, in der Schweinezucht und Geflügelfarm sowie beim Bau von Strassen-, Weg- und Bewässerungsanlagen und weiterer Unterkünfte mit.

Angesichts des drohenden Kriegs gewinnt die Aufgabe der Selbstversorgung und des Aufbaus von Warenreserven Priorität gegenüber der Aufgabe der «Arbeitsschulung». Mit dem Ertrag des zwanzig Hektar grossen Landwirtschaftsbetriebs können in den sechs Kriegsjahren alle Basler Spitäler und zahlreiche Familien mit Nahrung versorgt werden. Dies gelingt dank dem Arbeitseinsatz von Hunderten Menschen mit Behinderung und aufgenommenen politischen Flüchtlingen.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kann der Aufgabenbereich der «Arbeitsschulung» mit praktischen Ausbildungen und Werkstätten für verschiedene Berufe aufgebaut werden.

Trotz knappen finanziellen Mitteln gelingt es dem Betrieb zwischen 1954 und 1956 ein Wohnheim für die Eingliederungsstätte, drei neue Werkstattgebäude und einen separaten Pavillon mit Werkstatt für Tuberkulose-Patienten zu errichten.

Zehn Jahre später wird mit der Einführung der Invalidenversicherung ein weiteres Projekt realisierbar. Zur Hälfte vom Bund, zur Hälfte aus privaten Mitteln finanziert, kann 1967 in Basel das Schweizerische Paraplegikerzentrum (SPZ) eröffnet werden.

Feldarbeit auf dem Milchsuppen-Areal
1945

Die Eröffnung des Klinikums 1 markiert am Ende des Zweiten Weltkriegs den Aufbruch ins moderne Medizinzeitalter. Mit der Eröffnung des Klinikum 1 gründet das Bürgerspital gleichzeitig eine eigene Schule für Krankenpflege, um den Pflegenachwuchs sicherzustellen.

1973
Die Anforderungen an eine moderne Universitätsklinik übersteigen die Ressourcen der Bürgergemeinde. 1973 geht das über die Jahre weiter gewachsene Spital deshalb an den Kanton über und heisst fortan «Kantonsspital Basel», später «Universitätsspital Basel». Der Auftrag des Bürgerspital Basel wird neu definiert. Es konzentriert sich auf die Betreuung von älteren Menschen und Menschen mit Behinderung sowie die medizinische Rehabilitation.
1997
Das Paraplegikerzentrum des Bürgerspital Basel wird in die neu gegründete, gemeinnützige REHAB Basel AG, Zentrum für Querschnittgelähmte und Hirnverletzte, überführt.   

Heute und morgen

2007

Im September 2007 bezieht man das neue Gärtnereigebäude sowie den Werk-statterweiterungsbau auf dem «Milchsuppe-Areal» an der Friedrich Miescher-Strasse. Im Erweiterungsbau werden zunächst das Grafische Zentrum, die Elementare Abklärung (ELA) sowie die IT-Abteilung untergebracht.

2019
Die Rehabilitationsklinik Chrischona wird ins Felix-Platter-Spital integriert. Damit konzentriert sich das Bürgerspital ganz auf die heutigen Kernbereiche: Betreuung von Menschen im Alter und Integration von Menschen mit Behinderung.
2020
Nach der Abgabe der Rehabilitationsklinik wurde das Bürgerspital von der Basler Spitalliste gestrichen. Es ist nun kein Spital mehr. In breiten Teilen der Bevölkerung wird es jedoch immer noch mit dem Universitätsspital verwechselt und in den neuen Geschäftsbereichen sorgt der Begriff Spital für Irritationen. Deshalb tritt das Bürgerspital Basel seit August 2020 mit der Abkürzung BSB auf. Die Neugestaltung des gesamten Auftritts markiert den Übergang des Bürgerspitals vom ältesten Basler Spital zum zeitgenössischen sozialen Unternehmen.

Der Hauptsitz des BSB an der Friedrich Miescher-Strasse
Blick nach vorn

Was das Bürgerspital bisher auszeichnete, macht uns auch in Zukunft stark: Wir entwickeln uns ständig weiter im Einklang mit den sich wandelnden Bedürfnissen der Gesellschaft. Wir wollen immer noch besser werden und Menschen im Alter und mit Behinderung die vielfältigsten und durchgängigsten Lösungen anbieten. Und zwar so individuell und so lebenswert wie nur möglich.